Weniger ist mehr.

Dass eine Sprache „lebt“, sich wandelt und so weiter, finde ich gut. Natürlich. Muss ja auch so sein. Sonst würden ja bald alle Französisch sprechen.

Trotzdem bin ich immer ein wenig irritiert, wenn in meinem Freundeskreis mal wieder einer zum Sprach-Trendsetter mutiert und meint, ein Wort (oder einen Ausdruck), der vermeintlich gerade „hip“, „modern“, „cool“ oder sonstwas ist, so oft in einen Satz einbauen zu müssen, dass kein anderes mehr Platz hat.

Ich meine solche Dinger wie z. B. „macht Sinn“, „Netzwerk“ oder „akkreditiert“. Dabei stört mich noch nicht einmal  so sehr die Tatsache, dass diese Wörter oft falsch verwendet werden, sondern der Umstand, dass, obwohl sie seit Jahren in Frieden unter uns weilen, sie urplötzlich allgegenwärtig werden und aus jedem offenen Maul zu strömen scheinen.

Auf einmal hat man z. B. in seiner Firma keine Akkreditierung mehr für den Server-Raum und alles, was man dem Chef in einem Meeting präsentiert, macht oder macht keinen Sinn. Wie gesagt, nicht die falsche Nutzung solcher Wörter und Phrasen finde ich nervig, sondern die Schlagzahl.

Nun gibt es einen neuen Star am Hip-Wort-Himmel, den vom Gabelstapler-Fahrer, über den Tekkie bis hin zum Prof.Dr.Dr. jeder zu benutzen scheint: Haptik bzw. haptisch. Alles ist nur noch haptisch, und haptisch ist gut. Was nicht haptisch ist, ist minderwertig und zu bemitleiden.

Mein Friseur findet, dass meine Haare eine tolle Haptik haben (zumindest noch, solange sie da sind), mein Kumpel sehnt sich nach der guten alten Zeit B.C.D. (Before Compact Disc), in der die Platten noch eine geile Haptik hatten, die den CDs ja komplett fehlt, und haben die Schokoküsse in der Frischebox keine verbesserte Rezeptur, die sich positiv auf ihre Haptik auswirkt, werden sie vom Kunden verschmäht, der dann stattdessen Ritter-Sport kauft, denn die ist quadratisch, haptisch, gut.

Und wenn man nun einen langjährigen Freund in der Bude hat, der immer feinstes Hochdeutsch mit leichtem Ghetto-Einschlag gesprochen hat, und der plötzlich zum Haptiker mutiert ist und alles in der Wohnung auf seine Haptik untersucht, dann ist das so befremdlich, wie wenn mein Sohn, der momentan noch „Törö“ für Elefant und „Wuff Wuff“ für Hund sagt, morgen plötzlich „Bruttosozialprodukt“ sagen könnte.

Daher mein Tipp an alle Wort-Trend-Schöpfer und -Mitläufer: Weniger ist manchmal mehr.

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2 Antworten zu “Weniger ist mehr.

  1. Pullipräsident

    Zu Deinen beizupflichtenden Anmerkungen passt übrigens auch der aktuelle Max-Goldt-Beitrag in der Titanic zum Thema Sprachpflege und -Kontrolle in Familie und Freundeskreis, sowie speziell zum inflationären Begriff „lecker“ (welcher mir als Rheinländer bislang überhaupt nicht als inflationär wahrgenommen wurde, aber andere Regionen Deutschlands scheinen darunter zu leiden …).

    Zum Thema „Haptik“. Wir hier in der Internet-Agentur sind naturgemäß immer recht weit vorne beim Bullshit-Bingo, und da ist der Begriff schon vor 4 Jahren verwendet worden, genauso wie z.B. „Anmutung“. Sind so klassische Kundenbeeindruckungs-Floskeln, bei denen der Zugetextete ungefähr weiss, was sie bedeuten, aber noch zusätzlich eine tiefere Bedeutung oder irgendwie mehr „Benefit“ dahinter vermutet.

    Würg. 🙂

  2. Danke, fuer diese sehr offenen und wahren Worte!
    Ich hoffe, deine Chef liest nicht mit! 😀

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