Unabhängiger Journalismus?

Im Zusammenhang mit dem vorhergehenden Artikel ist wieder eine Frage aufgetaucht, die ich hier in mehr oder minder gleicher Form schon mehrmals gestellt habe: Wie ist es möglich, dass News-Portale, wie z.B. Spiegel-Online, völlig unbekannten Unternehmen bereitwillig eine so grosse Bühne zur Selbstdarstellung bieten? Mögliche Antworten erhält man u.a.  hier (ab Kommentar #7 wird es interessant).

Offenbar hat man sich mit diesem Problem auch bei der FTD auseinandergesetzt. Mit einem überraschenden Ergebnis: Anstatt die Unternehmen in Zukunft weiterhin zu interviewen, lässt man sie die Artikel einfach direkt selbst schreiben! Eine super Idee, wie ich finde. Herr Quitt vom Marktforschungsinstitut TNS-Infratest hat denn auch direkt Nägel mit Köppen gemacht und einen schönen Artikel rausgehauen. Das nenn ich effizienten und soliden Journalismus: Auf Seiten der FTD Geld und Zeit gespart, dabei noch Geld verdient und einen Kunden zufrieden gestellt; auf Seiten von TNS die wunderschönste, in eigenen Worten verfasste Werbung für das Unternehmen bzw. dessen Dienstleistung gemacht. Prima. Alle zufrieden. Außer mir vielleicht.

Früher gab es immer noch den Hinweis „vom Gastautor“, Gastkommentar“, „Gastbeitrag“ oder Ähnliches. Heute sieht das Ganze dann so aus:

Marktforschung ist keine Werbung

von Helmut Quitt (www.tns-infratest.com)

Die Artikelüberschrift entbehrt in diesem Kontext nicht einer gewissen Ironie. Jedenfalls überlege ich wirklich, ob ich die FTD als Printausgabe nicht abonnieren sollte, damit wieder Geld in deren Kasse kommt und man in Zukunft auf so etwas verzichtet. Wenn ich mir dann aber den Artikel von Herrn Quitt genauer anschaue, verzichte ich lieber meinerseits – sowohl auf die Print- als auch auf die Online-Ausgabe der FTD.

Was nämlich deutlich wird, ist Folgendes: In Artikeln, die nicht von „unabhängigen“ Journalisten verfasst werden, kommt immer nur einer gut weg – und das ist der Auftraggeber = Arbeitgeber des Schreiberlings = Sponsor des Artikels. Wenn Herr Quitt so nett von der „Marktforschung“ spricht anstatt von TNS oder von MaFo-Instituten, MaFo-Studios und Rekrutierungsbüros, dann hat das mindestens zwei gute Gründe: Zum einen will er den Artikel nicht als plumpe Werbung für TNS zu erkennen geben, und zum anderen will er nicht auf die Mißstände in der Mafo-Branche hinweisen müssen. Also spricht er im Stile eines „primus inter pares“ und alles ist gut.

Ich bin mal gespannt, wie lange es dauert, bis der erste Nestbeschmutzer kommt und in einer Online-Zeitung auspackt. In den gängigen Fachzeitschriften wurde dieser Schritt ja längst getan…

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