Vor Gericht

Kennt einer noch die Serie L.A. Law? Die habe ich für mein Leben gern geguckt. Und ich gebe es zu – ich habe auch Edel & Starck gern gesehen. Hatte als Schüler auch immer vor, Jura zu studieren. Bin deswegen auch den steinigen Weg gegangen und habe Latein als zweite Fremdsprache gewählt (und sogar das Große Latinum erworben, das es heute ja nicht mehr gibt). Meine sehr stark durch das Fernsehen geprägte (= völlig absurde) Vorstellung von der Rechts-Welt wurde dann aber im Praktikum (deswegen bin ich ein großer Befürworter des schulischen und universitären Praktikums) mit einem Wisch von allem Verklärten bereinigt. Ich war bei einem Scheidungsanwalt und durfte alles machen – solange dies im Archiv stattfand. Soll heißen: Ich durfte Akten sortieren wie ein Wilder, sonst nichts. Danach war der Traum für mich ausgeträumt. Habe vielleicht ein bißchen zu schnell aufgegeben, aber es ist wie es ist: Das Jura-Studium war danach für mich gestorben.

Mein Interesse für alles, was sich mit Recht und Rechtsprechung beschäftigt, ist aber geblieben. Und so hat mir ein befreundeter Anwalt vorgeschlagen, ich solle mal mit zum Gericht gehen. Er hätte immer wieder mal interessante Fälle, die er verhandelt. Heute war so ein Fall.

Ich hoffe, ich bekomme den Sachverhalt noch so hin, daß alles einen Sinn ergibt: Ein aus dem etwas weiteren Süden stammende deutsche Mitbürger hat sich ein Haus gekauft. Da ihm zwei Bäume auf seinem Grundstück im Weg standen und ihm die schöne Sonne raubten, wurden sie kurzerhand entfernt. Es handelte sich dabei um zwei Birken, die, als alter Maibaumsteller weiß ich das, mehr oder minder als „Unkraut“ angesehen werden können. Jedenfalls wurden die Birken entsorgt. Eine aufmerksame Nachbarin beobachtete den Frevel an der Natur und rief irgendeine Behörde an, die sich mit solchen Verbrechen beschäftigt. Die kam natürlich prompt angefahren, stellte fest, daß der Stammumfang der Bäume ein kritisches Maß überschritten hatte, zudem vier Bäume in einer Gruppe zusammen gestanden hätten und somit dann erst recht nicht hätten geschlagen werden dürfen – das gibt 2x Lebenslänglich! Es vergehen mehrere Jahre (kein Witz!), bis der Herr aus dem Süden, der Besitzer des Hauses und des Grundstücks, zuerst einen Bescheid über ein Ordnungsgeld (so hieß das Ding, glaube ich) erhält. Dann kommen noch irgendwelche Dinge hinzu, so daß sich am Ende anstelle von 700 Euro 1998 Euro ergeben. Klarer Fall. Der Mann muß zahlen. Kein Vertun. Er hat ja den Biber gespielt.

MOOOOMENT! Es stellt sich plötzlich heraus, daß nicht der Mann selbst sondern ein Familienangehöriger die Bäume abgehauen hat. Und zwar, während der Beklagte nachweislich auf der Arbeit war. Der Mann hatte zwar zuvor bei den Vernehmungen immer zugegeben, daß die in Frage stehenden Bäume gefällt wurden und er hat auch immer die Verantwortung für die Tat übernommen, weil es sich ja um sein Grundstück handelte – er hatte aber nie gesagt, daß er es getan hätte. Hat er ja auch nicht. Davon sind aber Richter und der staatlich bezahlte Schläfer die ganze Zeit über stillschweigend ausgegangen. 

(Daher beachte: Sag deinem Anwalt immer alles, was du weißt, und sag ihm auch immer schön die Wahrheit.)

So. Und hier setzte nun der heutige Prozess an. Nach einigen Formalien wurde dem Angeklagten dann das Wort erteilt. Er durfte sich zum Sachverhalt äußern. Kurzes Statement seines Anwalts: Mein Mandant war es nicht. Bumm! Bombe geplatzt. Richter sichtlich um Contenance bemüht (immerhin gab diese Aussage dem Fall eine völlig andere Wendung und hätte nach seiner Auffassung schon sehr viel früher als Einwand getätigt werden müssen – für dieses Versäumnis sollte sich der Richter am Ende noch rächen…), der Behördenmensch wollte sich mit einem solchen Taschenspielertrick nicht abspeisen lassen und schoß ein unqualifiziertes, rechtlich völlig irrelevantes Statement nach dem anderen ab – ohne Erfolg! Die Befragung des Zeugen ergab, daß er niemanden beim Fällen der Bäume „in flagranti“ erwischt hat. Man könne nun versuchen, den Familienangehörigen haftbar zu machen. Aber in diesem Fall würde der Sohn Gebrauch machen von seinem Recht auf Verweigerung der Aussage…

Nach einer halbstündigen Bedenkzeit, in der der Richter zu retten versuchte, was nicht zu retten war, erfolgte das Urteil: Einstellung des Verfahrens auf Kosten des Steuerzahlers. Aber – und hier rächte sich der Richter am Anwalt – die Anwaltskosten müsse dessen Mandant selbst tragen. Heißt: Sieh zu, Junge, daß du deine Kohle bekommst – und ich hoffe so sehr, daß du sie nicht bekommst! Tja, wie sagte der Richter am Ende: Die kleinen Streitigkeiten zwischen Richtern und Anwälten gäben den Prozessen erst die richtige Würze. (Was ich etwas anders sehe: Müsste ich einen Anwalt bezahlen, nur weil ein Richter ein Alpha-Tierchen-Problem hat, dann wüsste ich ganz schnell, wo sich auf dem Parkplatz dessen Auto befindet…)

Ich fasse zusammen: Bäume ab, Täter frei. So kann’s gehen. 🙂

Und was lehrt uns das? Recht zu haben bedeutet nicht, auch Recht zu bekommen. Und umgekehrt. Mein Motto lautet daher: Lieber Recht bekommen als Recht haben. Was wiederum bedeutet: Nichts und niemals ohne meinen Anwalt! (Kann übrigens einen guten empfehlen, falls mal einer Recht bekommen möchte. 😀 )

Und was haben wir noch gelernt: Marek hatte heute keinen Bock auf Blog. Und sollte vor allem nicht als Gerichtsreporter anheuern. 🙂

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s