Und wieder Kafka…

Plump-reißerisch angepriesen und keinesfalls neu, das ist alles, was mir zu Herrn James Hawes, seines Zeichens Kafka-Forscher, einfällt. Er behauptet nämlich belegen zu können, dass Kafka eine Sammlung von pornografischen Zeitschriften besessen hat, die er im Haus seiner Eltern versteckt hielt. Mit dieser Entdeckung will Hawes Facetten der Person Kafka aufdecken, die von der Kafka-Forschung jahrelang bewusst und systematisch ausgeklammert wurden.

„Forscher haben so getan, als würde dies nicht existieren. Die ganze Kafka-Industrie will solche Dinge über ihr Idol nicht wissen“, sagte Hawes. Der in Prag geborene Schriftsteller habe bislang das Image eines „Heiligen“. „Alles was Kafka geschrieben hat, jede Postkarte, die er verschickt hat, jede Seite seines Tagebuchs wird als potentieller Fund der Bundeslade angesehen – doch niemand hat jemals den Lesern Kafkas Pornos gezeigt.“

Wie zwischen den Zeilen des Spiegel-Artikels zu erkennen ist, zweifelt dessen Autor an dem Wahrheitsgehalt von Hawes‘ Aussagen. Zurecht! Ich tue das auch. Allerdings scheinen die Zweifel des Autors eher durch eine gesunde (vielleicht sogar beruflich geprägte) Skepsis gegenüber solchen Sensationsfund-Bekundungen wie Herr Hawes sie äußert, als durch ein fundiertes literaturwisschenschaftliches oder Kafka-spezifisches Wissen motiviert zu sein. Denn sonst hätte er sich nicht zu einer Äußerung wie dieser hinreißen lassen:

Kritischere Köpfe dagegen könnten fragen, ob des Literaten Interesse an Pornografie irgendwelche neuen Erkenntnisse über Leben und Werk zulässt. Über Kafka, zu dessen Hauptwerken „Die Verwandlung“ und „Der Prozess“ zählen, wurden bereits Hunderttausende Seiten an Forschungsarbeiten geschrieben.

Mal völlig davon abgesehen, dass die Anzahl bereits veröffentlichter Forschungsarbeiten über einen Autor kein Indikator dafür sein kann, ob noch weitere, neuere Erkenntnisse über ihn gewonnen werden können oder nicht, scheint der Verfasser des Artikels nicht zu bedenken – oder nicht zu wissen -, dass, seit des von R. Barthes verkündeten Todes des Autors, der Leser als Träger der Bedeutungskonstitution in den Vordergrund gerückt ist. Und dies hat natürlich zur Folge, dass alles Wissen um den Autor, sein Leben und sein Werk enorm zur Interpretation eines in Frage steheden Werkes beiträgt. Dass dieses Wissen aber nicht unbedingt für jeden notwendig ist, um ein Werk zu goutieren, steht auf einem anderen Blatt. Und dass Kafkas „Interesse an Pornografie“ der Literaturwissenschaft hinlänglich bekannt ist, scheint der Verfasser offenbar auch nicht zu wissen.

Kritische Köpfe werden sich die oben zitierte Frage somit sicherlich nicht stellen, ob aber die Entdeckung des Herrn Hawes so sensationell sind, wie er behauptet, hingegen schon…

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s