Kafka

„Ein Araber, hoch und weiß, kam an mir vorüber; er hatte die Kamele versorgt und ging zum Schlafplatz.“

Dieser Satz stammt aus der Erzählung Schakale und Araber von Kafka. Wer Kafka schon mal gelesen hat, der weiß, dass er aus verschiedenen Gründen schwer zugänglich ist. Einer der Gründe liegt in seinem „Spiel“ mit Sprache, das er, wie Flaubert, meisterlich beherrscht. Daher schreibt Herr Reuß, wie ich finde zurecht, in seinem Artikel Der Messias der Schakale:

Es sind häufig ganz unscheinbare Abweichungen von der Standardsprache, die Kafkas Sätzen ihre erhellende Kraft verleihen.

Damit bezieht er sich auf den oben zitierten Satz, bzw. 

auf die Kombination der beiden Wörter „kommen“ und „vorüber“ zurückführen – eine Kombination, die in der deutschen Sprache ungewöhnlich, wenn nicht agrammatisch ist. Denn „kommen“ heißt: „direkt auf mich zukommen“ und ist mit der Rede vom „vorüber“ unvereinbar.

Scheint einleuchtend und nachvollziehbar. Doch dann führt Herr Reuß weiter aus:

Als ich die betreffende Stelle in der Handschrift des Oktavhefts 2 schließlich erstmals anschauen konnte, hatte ich den positiven Beleg dafür vor Augen, wie schlecht man im Falle Kafkas beraten wäre, wollte man dergleichen Auffälligkeiten unter die Rubrik „Unachtsamkeit“ fassen (vulgo: sie verdrängen). Tatsächlich lautete die erste Niederschrift noch, dem sprachlichen comment entsprechend: „ging an mir vorüber“. Das „kam“ setzte Kafka erst nach Streichung des „ging“ über die Zeile. Der semantische Eklat war ins Werk gerichtet. So kommen Kafkas Sätze auf uns zu. 

Man kann Kafka nicht mehr fragen, aber könnte es nicht sein, dass er hier einfach etwas vermeiden wollte, was schlechter Stil ist – nämlich die Wiederholung. Die Interpretationsansätze des Herrn Reuß in allen Ehren, aber eine so unschöne Wiederholung von „ging“ – das gefiel dem Meister bestimmt nicht. Aber wie gesagt, man kann ihn nicht mehr fragen. Und muss somit wohl alle Interpretation, die am Text belegbar sind, hinnehmen.

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