Koch, bleib bei deinen Töpfen!

Wie überall zu lesen war (zum Beispiel hier oder hier), zeigt RTL2 heute Abend die Sendung „Jamies Hühnerhölle“. In dieser Sendung weist der britische Star-Koch Jamie Oliver auf besonders drastische Weise auf die Missstände bei der Tierhaltung im Allgemeinen und auf die katastrophalen Bedingungen in Legebatterien im Besonderen hin. Dazu benutzt er männliche Küken, die den Studiogästen zunächst lebendig zum Essen serviert und anschließend von ihm in einen Glaskasten gesperrt werden. Daraufhin leitet er ein Kohlendioxidgemisch in den Kasten ein, das die Küken qualvoll ersticken lässt.

Dazu ließe sich nun bestimmt vieles sagen. Ich sage nur kurz, was ich gut finde und lang, was ich schlecht finde.

Gut finde ich, dass sich Jamie Oliver entschlossen hat, diese fabelhafte Sendung auf RTL2 zeigen zu lassen. Diesen Sender guckt genau das richtige Publikum, das mit Sicherheit die Botschaft der Sendung begreifen wird und das in Zukunft dann wahrscheinlich statt Hühnchen nur noch Huhn kaufen wird. Ziel erreicht! Glückwunsch, Herr Oliver!

Schlecht finde ich hingegen, mal abgesehen von der guten Absicht, die ich Herrn Oliver unterstelle und die für mich nichts mit Quotensteigerung zu tun hat, ALLES! Angefangen bei der unverschämten und beleidigenden Irreführung der Studiogäste, über die peinliche Arroganz des Herrn bis hin zu seinem fast hybrischen, aber auf jeden Fall geschmacklosen und auf das höchste verwerflichen Umgang mit anderen Lebewesen!

Für wie schlau hält sich Herr Oliver eigentlich oder schlimmer: Für wie dumm hält er uns? Denkt er, uns erklären zu müssen, dass der Strom nicht aus der Steckdose kommt? Wer glaubt denn heute noch, dass das Fleisch auf seinem Teller von einem Tier stammt, das Zeit seines Lebens glücklich umhergewandert ist, bis es dann irgendwann, damit es im Alter nicht leiden muss, von einem mitfühlenden Jäger kurz und schmerzlos erlegt wurde?

Ich verstehe, was Herr Oliver sagen will, aber ich verstehe seine Sprache nicht! Wem nutzt es, wenn Tiere, die eigentlich leben könnten, die womöglich dem qualvollen Tod in einer Legebatterie entkommen sind, vom Messias Oliver vor laufender Kamera für die Zwangsbekehrung von Ungläubigen missbraucht werden. Die Holzhammermethode hat doch noch nie funktioniert – nicht durch einen Koch und schon gar nicht auf RTL2!

Was macht Herr Oliver denn als nächstes? Exekutiert er einen Studiogast, um auf die weltweiten Menschenrechtsverletzungen aufmerksam zu machen? Greift er sich in der nächsten Sendung einen Zuschauer, steckt dessen Kopf in einen Gasherd und rechtfertigt das damit, dass er gegen die Todesstrafe protestieren oder auf die Missstände in Guantanamo oder in irgendwelchen kommunistischen Ländern aufmerksam machen möchte?

Ich habe etwas gegen Zwangsbekehrungen! Vor allem dann, wenn sie mit den gleichen Mitteln durchgeführt werden, gegen die sie sich vorgeblich richten! Ein Küken zu töten, um damit auf die katastrophalen Verhältnisse in den Legebatterien hinzuweisen, führt die Kritik an der Sache ad absurdum!

Mein Tipp lautet daher: Beim nächsten Mal, wenn du auf Missstände hinweisen möchtest, könntest du das ja vielleicht mit so viel Würde und Mut tun, wie Thích Quảng Đức. Ansonsten bleib bei deinen Töpfen!

Advertisements

5 Antworten zu “Koch, bleib bei deinen Töpfen!

  1. Pullipräsident

    Diesmal ein dickes VETO von mir. Ich kann Deine Vorbehalte zwar verstehen -mein erster Gadanke ging in dieselbe Richtung- und vermutlich werden sich viele genau aus diesem Grunde von der Sendung abwenden. Ich weiss auch nicht, inwiefern Smutje Jamie ein besessener Selbstdarsteller ist, oder ob er nur eine Mission hat, mal abgesehen davon, dass es RTL2 mit Sicherheit ausschließlich und die Quote geht. Aber mal ganz pragmatisch: JEDE Sendung, die dem geneigten Zuschauer etwas Transparenz bzgl. der hiesigen Lebensmittelproduktion offeriert, ist notwendig und wichtig.

    Denn im Gegensatz zu Dir bin ich der Ansicht, dass wir Konsumenten eben viel zuwenig von der Herstellung dessen, was wir im Supermarkt kaufen, wissen. Auch die Workflows in der mittlerweile üblichen Fleisch-, Milch und Eierproduktion sind bestenfalls diffus in den Köpfen. Weil: sonst würden die Menschen in Deutschland ihre Lebensmittelauswahl nicht mehr nur mit der Brieftasche treffen. Stattdessen ist die gegenteilige Tendenz zu beobachten und geht einher mit der Entfremdung des Deutschen zu seinem Essen und dessen Ausgangsprodukten. Da folge ich zu 100% den gebetsmühlenartig wiederholten Feststellungen von SPIEGEL-Gourmet Ullrich Fichtner (-> „Tellergericht. Die Deutschen und das Essen“), denn so etwas sehe ich quasi tagtäglich an mir selber.

    Wenn der Herr Oliver meint, es braucht Schockeffekte, um die Leute ein bisschen aus der Lethargie und der Geiz-ist-Geil-Mentalität zu reissen, dann gesteh ich ihm das erstmal zu. Und bevor ich über das Töten des einen Kükens (die CO2-Methode ist ja die übliche Weise, die anfallenden Kükenmassen halbwegs human zu „entsorgen“) die moralische Axt breche, überlege ich erstmal, wieviel von den flaumigen Viechern ich selber die letzten Monate über den Griff ins Eierregal indirekt gekillt habe.

    Einfach alles mal in Relation setzen: wieviel Tiere sind denn allein schon bei Produktion und Ausstrahlung einer Sendung (Kantine, Catering) „verarbeitet“ worden?

    Ausserdem sollte man sich in Erinnerung rufen: Der Herr Oliver ist kein Tierschützer oder Tierrechtler oder ähnliches, sondern Koch! Für Ihn gehört es zum Job, Tiere töten zu lassen, oder gar selbst zu töten (z.B. bei Schalentieren). Es geht guten Köchen m.E. aber vor allem um RESPEKT gegenüber der fürs Essen bestimmten Kreatur und der daraus resultierenden Qualität des Fleisches sowie der Sorgfalt bei der Zubereitung. Und all das alles ist in unserer Einkaufs- und Esskultur immer weniger vorhanden.

    Was ich auch immer verwunderlich finde: wieso wird bei Leuten die Mißstände anprangern immer an genauesten hingeguckt, dass ihre Methoden koscher sind und sie eine komplett reine Weste haben? Während man bei der Gegenseite immer gerne ein paar Augen zudrückt?!
    Hm, ist zwar anderes Fachgebiet, aber Ich erinnere mich gerne an die Worte von meinem Botanik-Prof., der einst sinngemäß meinte: „wer Tiere und die Umwelt retten will, darf nicht zimperlich sein, wenn es darum geht, ne Menge Viecher töten zu müssen. Naturschutz ist nix für Weicheier.“ Vielleicht lässt sich das ja auch auf Jamie Oliver übertragen. 🙂

    Denn: Würde und Mut, okay. Aber wer würde die Sendung gucken, wenn es heisst: Jamie Oliver zeigt heute einen Film über die industrialisierte Geflügelhaltung?

  2. Wie bereits erwähnt, gehe ich nicht davon aus, dass J.O. ein Selbstdarsteller ist. Dafür hat er sich in den letzten Jahren zu stark für gesundes Essen engagiert. Ich habe auch zugegeben, seine Absicht nachvollziehen zu können. Somit sind wir uns zumindest in diesen beiden Punkten einig.
    Allerdings möchte ich zu bedenken geben, dass jeder freiwillig darüber entscheiden dürfen sollte, ob er oberlehrerhaft belehrt werden möchte oder nicht! Und das ist die eine Grenze, die J.O. meiner Ansicht nach deutlich überschritten hat. Wenn ich in seinem Studio gezwungenermaßen Zeuge dieser „Vergasung“ geworden wäre, dann wäre ich bestimmt nicht ruhig sitzen geblieben! Wenn ich auf eine Kaffeefahrt eingeladen werde und dann plötzlich überteuerte Pullover kaufen muss, dann habe ich darauf genauso wenig Bock, wie auf –für welchen angeblich höheren Zweck auch immer – geopferte Küken, wenn mir ein Gala-Dinner versprochen wurde. Ich bin mir nicht ganz sicher, wie das in England ist, aber ich könnte mir vorstellen, dass J.O. in Deutschland bestimmt von einem der Gäste verklagt worden wäre, z.B. wegen Irreführung oder schlimmer: wegen „mentaler Vergewaltigung“.
    Wie kommst du auf die Idee, dass die Leute Transparenz bzgl. der hiesigen Lebensmittelproduktion brauchen oder wollen? Glaubst du wirklich, dass die nicht genau darüber Bescheid wüssten, was auf den Bauernhöfen oder in den Schlachthäusern vor sich geht? Glaubst du wirklich, dass die Leute nicht wissen, warum sie heute ihr Fleisch für einen Bruchteil dessen kaufen können, was sie früher dafür bezahlt hätten oder haben? Glaubst du wirklich, dass sie in den Nachrichten die Meldungen über Rinderwahnsinn, Schweinepest und andere Tierseuchen nicht wahrnehmen? Wohl kaum!
    Näher an der Wahrheit bewegen wir uns wahrscheinlich, wenn wir uns eingestehen, dass die Leute es nicht sehen oder hören WOLLEN! Diejenigen, die J.O. mit bzw. in seiner Sendung zu Gutmenschen transformieren will, sind bekennende und praktizierende Vogel-Strauß-Politiker, die vor allem ihre Augen verschließen, das ihre traute Gemütlichkeit bedroht. Vati will jeden Tag Fleisch essen und Mutti stöhnt bereits beim zweiten Kind, dass sie ihre Familie nicht mehr ernähren kann, weil alles so teuer geworden sei. Jemand, der noch nicht einmal bereit ist, 10 Cent mehr für Milch zu bezahlen, wird wohl kaum mehr Geld für sein so liebgewordenes Fleisch bezahlen wollen.
    Und darauf läuft es ja wohl letztendlich hinaus: Dem Otto-Normal-Kunden ist es schlichtweg egal, wie er an sein Fleisch kommt – Hauptsache, es ist günstig. Er weiß genau Bescheid über das Leid und Elend der Tiere – dafür haben schon viele andere vor J.O. gesorgt. Aber er blendet dieses Wissen aus, rechtfertigt sich mit Phrasen wie „Tiere wurden schon immer getötet“ oder „Ich kann doch sowieso nichts dagegen tun“ etc. Und wenn sie es nicht sehen wollen, dann wird auch J.O. sie nicht dazu zwingen können. Ich erwarte eigentlich auch eher den gegenteiligen Effekt: Ab sofort wird J.O. zur persona non grata erklärt, die Kinder werden ihn, entweder durch Fehldeutung seines Verhaltens oder durch gezielt falsche Informationspolitik seitens der Eltern, nicht länger als Vorbild ansehen etc. Mal sehen.
    Die zweite, noch deutlichere Grenzüberschreitung ist in meinen Augen aber die, Lebewesen zu Anschauungszwecken zu töten. Das ist kein Schockeffekt, das ist eine Respektlosigkeit gegenüber dem Leben! Dabei spielt es auch keine Rolle, ob täglich eine Zillion Küken auf diese Art in Legebatterien ihr Ende finden. Schließlich würde ja auch kein Tierschützer auf die Idee kommen, die Tiere, die er schützen will, aus Protest zu töten. Stell dir einfach mal die absurde Situation vor, in der jemand von Greenpeace (in einer Fernsehsendung) kleine Kätzchen oder Welpen nimmt und diese in einen brennenden Ofen schmeißt oder gegen eine Wand knallt, um gegen diese brutale Tötungsweisen im Süden Europas zu protestieren. Der Typ hätte vermutlich bald einen tödlichen Autounfall.
    Und noch einmal muss ich dir widersprechen. Einem Koch geht es nicht um Respekt sondern einzig um Qualität! Ginge es ihnen auch um Respekt gegenüber Tieren, wer würde denn dann noch Lamm oder Hummer zubereiten? Oder meinetwegen auch Gänseleber?
    Naja, und zuletzt muss ich noch eine Sache klarstellen: Ich habe nicht so genau hingeguckt, weil es J.O. ist oder weil er Missstände anprangert! Ich war selbst 10 Jahre Vegetarier und verstehe, was er sagen will. Aber: Die Art und Weise, wie er es tut, halte ich für völlig falsch und zudem kontraproduktiv! Meine Kritik bezog sich somit nicht auf das WAS sondern auf das WIE!
    Daher: Veto abgelehnt! 😉
    Übrigens: Ob J.O. wohl weiss, woher der „Kebab King“ seine Hühnchen bezieht…?

  3. Pullipräsident

    Der Witz ist ja, dass wir weltanschaulich auf derselben Linie sind. Ich glaube, auf Dauer würde sich das daher hier im Kreis drehen. Die Unterschiede liegen im Kleinen:

    ——————–
    Allerdings möchte ich zu bedenken geben, dass jeder freiwillig darüber entscheiden dürfen sollte, ob er oberlehrerhaft belehrt werden möchte oder nicht!
    ——————–

    Kann er doch! Er kann das TV ausschalten oder einfach vorher schon auslassen. 🙂
    Und oberlehrerhaft? Ich dachte, dass Jamie, so wie ich das verstanden habe, die Bewertung der Fakten und die persönlichen Konsequenzen erstmal den Leuten selber überlässt.

    ———————
    dann habe ich darauf genauso wenig Bock, wie auf –für welchen angeblich höheren Zweck auch immer – geopferte Küken, wenn mir ein Gala-Dinner versprochen wurde.
    ———————

    Um die paar Leute im Studio mache ich mir nicht viel Gedanken. Wer ein tierhaltiges Festessen erwartet, muss davon ausgehen, dass dafür Viecher getötet werden. Dass dies, damit das den Leuten auch bzgl. der eigenen Rolle in der „Verwertungkette“ klar wird, im Studio statt im Schlachthof durchgeführt wird, finde ich nicht problematisch. Auch hier eine Aktion wider die „Entfremdung“ der Menschen vom Essen.

    ———————
    Wie kommst du auf die Idee, dass die Leute Transparenz bzgl. der hiesigen Lebensmittelproduktion brauchen oder wollen?
    ———————

    Wollen: nicht. Brauchen: auf jeden Fall! Immer und immer wieder. Die Preise für Fleisch sind bezogen auf die allgemeine Preisentwicklung in den letzten 20 Jahren nichts weiter als ein Skandal und ein Ausdruck der kompletten Unwissenheit der breiten Bevölkerungsmehrheit, da dieses Dumping -heute noch mehr als früher- zu einer immer weiteren Verschlechterung der Situation der Tiere, der Überlebensfähigkeit von Kleinbauern und nicht zuletzt der Qualität des Produkts geführt hat. Dennoch wird die Situation von uns Konsumenten immer noch weiter verschärft? Wieso? Entweder die Leute sind faul, unmoralisch, verantwortungslos oder einfach uninformiert. Und ich glaube, letzteres dürfte die Mehrheit ausmachen. Zumal die immer mehr von Natur, Essen und „Leben“ entfremdeten Jugend mit Sicherheit nur eine diffuse Ahnung hat, wie eigentlich ihre Nahrung im Normalfall hergestellt wird. Allein für die Kiddies kann es gar nicht genug solcher Sendungen geben.

    ———————
    Glaubst du wirklich, dass die nicht genau darüber Bescheid wüssten, was auf den Bauernhöfen oder in den Schlachthäusern vor sich geht?
    ———————

    Ja, weil ich gehe von mir selbst aus und sage: ich weiss nicht _genau_ darüber Bescheid. Und allein das Wort „Bauernhof“ zeigt schon, dass auch bei Dir noch falsche (Werbe-)Vorstellungen von der breiten Fleisch-, Eier- und Milchproduktion vorhanden sind.

    ———————
    Glaubst du wirklich, dass die Leute nicht wissen, warum sie heute ihr Fleisch für einen Bruchteil dessen kaufen können, was sie früher dafür bezahlt hätten oder haben?
    ———————

    Ja. Bei der Masse der Leute glaube ich das. Oder sie haben es vergessen, oder wollten es vergessen. Jeder Gang in den Supermarkt zeigt einem die Beweise.

    ———————
    Glaubst du wirklich, dass sie in den Nachrichten die Meldungen über Rinderwahnsinn, Schweinepest und andere Tierseuchen nicht wahrnehmen? Wohl kaum!
    ———————

    Diese Meldungen haben nur eine kurze Wirkung. So eine Art Katharsis. Danach geht alles so weiter wie zuvor oder der Fleischkonsum verschiebt sich auf andere Tiere. Auch hier folge ich dem o.g. Herrn Fichtner: im Grunde lenken diese Skandale und die aufgebauschte Empörung leider eher davon ab, was in Deutschland der allgemeine Standard ist. Die schwarzen Schafe, auf die dann gezeigt wird sind in Wirklichkeit gar keine: Die ganze Herde ist so. Und der einzige der es an allen Lobbies vorbei in der Hand hat, dies zu ändern, der Konsument, tut so gut wie nichts.

    ———————
    […] Und darauf läuft es ja wohl letztendlich hinaus: Dem Otto-Normal-Kunden ist es schlichtweg egal, wie er an sein Fleisch kommt – Hauptsache, es ist günstig. Er weiß genau Bescheid über das Leid und Elend der Tiere – dafür haben schon viele andere vor J.O. gesorgt. Aber er blendet dieses Wissen aus, rechtfertigt sich mit Phrasen wie „Tiere wurden schon immer getötet“ oder „Ich kann doch sowieso nichts dagegen tun“ etc.
    ———————

    Das ist aber genau für mich der Widerspruch. 1. wenn die Leute es wirklich so genau wüssten, warum kaufen sie dann immer noch das billige Fleisch? und 2. genau dafür ist so eine Sendung ja auch da: um möglichst vielen Leuten klarzumachen, dass sie als erstes und vielleicht auch als einzige etwas dagegen tun können: dank ihrer Kaufkraft.

    ———————
    Und wenn sie es nicht sehen wollen, dann wird auch J.O. sie nicht dazu zwingen können. Ich erwarte eigentlich auch eher den gegenteiligen Effekt: Ab sofort wird J.O. zur persona non grata erklärt, die Kinder werden ihn, entweder durch Fehldeutung seines Verhaltens oder durch gezielt falsche Informationspolitik seitens der Eltern, nicht länger als Vorbild ansehen etc. Mal sehen.
    ———————

    Kann sein. In England ist man von ihm allerdings schon einiges gewohnt (speziell das Schächten eines Lamms vor laufender Kamera), ausserdem lief diese Sendung wohl im Rahmen einer Reihe über Geflügelproduktion, die durchaus Erfolg gezeitigt hat, wenn man den 100.000 englischen Gästebucheinträgen glauben darf, die danach allesamt auf den Kauf von Freilandhaltungs-Produkten umschwenken wollten.

    ———————
    Und noch einmal muss ich dir widersprechen. Einem Koch geht es nicht um Respekt sondern einzig um Qualität!
    ———————

    Und beides hängt direkt miteinander zusammen.

    ———————
    Ginge es ihnen auch um Respekt gegenüber Tieren, wer würde denn dann noch Lamm oder Hummer zubereiten? Oder meinetwegen auch Gänseleber?
    ———————

    Lamm und Hummer: wieso nicht? Solange beide mit „Respekt“ (was ja eigentlich nur heisst: möglichst artgerecht) aufgezogen wurden! Nur weil das eine klein und wuschelig ist und das andere in kochendes Wasser geworfen wird? Vergleich das mal mit der Art und Weise wie Du und ich Tiere behandeln – indirekt durch unsere Entscheidung am Kühlregal und in der Fertignahrungsabteilung. Dagegen sind Köche mit Prinzipien -wie Jamie Oliver- doch Engel, oder?

    Stopfleber ist da allerdings ein Grenzfall. Da würde ich auch gerne mit Herrn Fichtner mal drüber sprechen. 🙂

    Aber nebenbei: hat jemand die Show eigentlich gesehen? Ich leider nicht, mir war Piepolis Bergankunft kurzzeitig wichtiger. Naja, vom „Turbo-Huhn“ zum möglicherweise gedopten Radfahrer ist der Weg ja auch nicht weit …

  4. Pullipräsident

    Ah, die ersten Feedbacks zur Sendung scheinen einzutrudeln. Da beide praktischerweise meine „Argumente“ bestätigen ;-), poste ich mal den stern.de-Leserbrief und den Link zur SPIEGEL-Besprechung:

    ———-
    Frank_aus_Genf (14.7.2008, 22:46 Uhr)

    Zur Sendung und zum Artikel

    Sehr geehrte Frau von Gemmingen
    Ich habe soeben die Sendung von Jamie Oliver gesehen und bin dankbar, dass es erstens Leute seines Schlages gibt und zweitens, dass er sich zu dieser Sendung getraut hat.
    Zugegebenermassen werten Sie J. Olivers Botschaft insegsamt zwar positiv, aber dennoch nervt mich dieses typisch deutsche Nach-Schwachstellen-Gesuche bei allem und jedem bis zum Erbrechen! Ich finde die Feststellung, dass Herrn Olivers Kommentare beim Besichtigen der Hühnerfarm nun glaubwürdig wirken oder nicht, so unwichtig wie einen Kropf. Sieht man sich seine Kochshows an, stellt man fest, dass er auch sein eigenes Tun in der Küche genau in der gleichen Weise kommentiert. Aber wahrscheinlich glaubt der „gute“ Journalist das zu brauchen, um selbst glaubwürdig und kritisch zu erscheinen.
    Wie dem auch sei.
    Ich bin selbst begeisterter Hobbykoch und mein Einkaufsverhalten hat sich vor 2 Jahren nach dem Kinobesuch von „We feed the world“ komplett geändert. Auch akzeptierend, dass manche Produkte aus finanziellen Beweggründen eben seltener auf den Tisch kommen. Wäre ich Kultusminister, würden diese Art Beiträge zum Pflichtstoff in Schulen und ich würde mich dafür einsetzen, dass Filme wie „we feed the world“ oder die des „Weltverbesserers“ Jamie Oliver nicht entweder nur auf Kabelkanälen für Intellektuelle oder auf 3.-klassigen Wiederholungs-Sendern zu Unzeiten gezeigt werden. Man kann gar nicht genug für Aufklärung und Bildung über unsere Missstände tun und statt über die mediale Wirkung des Autoren zu schreiben, sollten sie ihr Geld lieber damit verdienen, auf diese Art Beiträge aufmerksam zu machen!
    Vielen Dank und Guten Appetit in der Kantine.
    —————————-
    (Quelle: http://www.stern.de/unterhaltung/tv/:Jamies-H%FChnerh%F6lle-Starkoch-K%FCken/626833.html?id=626833&rendermode=comment)

    … und …

    http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,565865,00.html

  5. Ich gebe dir Recht – ich denke auch, dass wir „bloß“ bei den Details nicht einer Meinung sind. Aber in diesem Fall scheinen die Details das Entscheidende zu sein. Womit ich dann wohl wieder am Zuge wäre, eine Replik zu verfassen. 🙂
    Wenn ich im Fernsehen Bilder von hungernden Menschen in Afrika sehe, dann habe ich in der Regel zwei Möglichkeiten: Ich gucke es mir an, es berührt mich, ich spende. Oder aber ich schalte um, weil ich es satt habe, dass man mir permanent erzählt, wie schlecht es die Menschen in Afrika haben, wenn ich selbst kaum meine Miete bezahlen kann. Ist natürlich ein Unterschied, ob ich den Hungertod erleide oder in eine kleiner e Wohnung ziehen muss. Fakt ist aber, dass es Menschen gibt, die über Afrika Bescheid wissen, trotzdem nicht spenden und auch nicht in kleinere Wohnungen ziehen.
    Stell dir nun vor, so ein Mensch geht in ein Restaurant und bestellt sich ein tolles Menü. Voller Vorfreude wartet er auf sein Essen, das dann auch irgendwann vom Chefkoch höchstpersönlich auf einem Servierwagen angerollt wird. Die Spannung steigt, er nimmt die Käseglocke ab, unter der sich das feiste Mahl befinden sollte – aber stattdessen liegt da ein kleines afrikanisches Baby, das in dem Moment sein Leben aushaucht, als der Restaurantbesucher ihm völlig irritiert und schockiert in seine kleinen braunen Augen schaut. Tot. Verhungert. Vor seinen Augen.
    Zu diesem Zweck hatte der Chefkoch das Kind, das in Deutschland geboren war, hier seit seiner Geburt friedlich zusammen mit seinen Eltern lebte und gesund war, entführt, in ein Kellerverlies gesperrt und dort fast zu Tode gehungert. Zufällig filmt ein anderer Restaurantbesucher diese Horrorszene mit seinem modernen Handy, stellt dieses Filmchen anschließend bei YouTube online, wo es innerhalb kürzester Zeit millionenfach aufgerufen wird.
    Hm. Nun ist ein menschliches Wesen natürlich kein Küken und ich wäre niemals so dumm, beide auf eine Stufe zu stellen. Ich habe dieses Beispiel auch nur angeführt, weil ich denke, dass es emotional eine andere Wirkung entfaltet und somit vielleicht geeigneter ist, zu verdeutlichen, was ich an J.O. Aktion so verwerflich finde.
    Das Publikum wurde von J.O. überrumpelt und es sollte erzogen werden. Ich finde es aber anmaßend, wenn jemand glaubt, mich erziehen zu müssen. Wenn er auf die Missstände hätte aufmerksam machen wollen, warum hat er dann nicht eine Pressekonferenz abgehalten oder ein Buch darüber geschrieben? Die Vermutung liegt nahe, dass es nicht publicityträchtig und nicht shocking genug gewesen wäre. Es ist durchaus möglich, dass die Leute sein Buch gesehen, den Klappentext gelesen und dann das Buch wieder weggelegt hätten. Sterbende Küken – interessiert mich nicht! Auch dann nicht, wenn Jamie Oliver darüber schreibt.
    Ich bin weiterhin der Überzeugung, dass selbst die RTL2-Zuschauer wissen, warum sie sich Fleisch täglich leisten können. So wie sie wissen, dass in Afrika Kinder an Hunger sterben. Das Fernsehen berichtet darüber, man liest es in der Zeitung, man hört es im Radio, man liest es im Internet, Freunde erzählen einem darüber, die Kinder lernen es in der Schule… Wer behauptet, über die Missstände nicht Bescheid zu wissen, verschließt entweder hermetisch und konsequent Augen und Ohren oder ist schlichtweg zu blöd! Egal, welcher Fall zutrifft – J.O. wird bei beiden Gruppen mit seiner kleinen Horrorshow auf Granit beißen! Der Schockeffekt wird genauso lange andauern, wie derjenige, der bei ihrer Einführung von den netten kleinen Hinweisen auf Zigarettenschachteln ausging, nämlich bis zur nächsten Zigarette bzw. bis der nächste Hunger kommt. Menschen verdrängen Dinge, die sie nicht glücklich machen. Dazu gehört nun mal auch das Wissen über die Massentierhaltung oder über Lungenkrebs. Verdrängung ist eine Überlebensstrategie, die bei dem einen besser und bei dem anderen schlechter funktioniert. Bei den RTL2-Zuschauern, da gehe ich jede Wette ein, ist diese Strategie mit Sicherheit bis zur Perfektion ausgereift.
    Ich verstehe, dass du findest, dass jedes Mittel recht ist (das nicht Unrecht ist), um die unter uns lebenden Morlocks über die Missstände aufzuklären, die auf deutschen „Bauernhöfen“ 😉 und in Schlachtereien herrschen.
    Ich hingegen bin der Meinung, dass es weder das Recht des Einzelnen ist, andere bekehren, belehren oder sonstwie (gegen ihren Willen) beehren zu wollen noch dass solche Aktionen viel Aussicht auf Erfolg haben. Ich bin vielmehr der Überzeugung, dass hier die Politik mit strikteren Auflagen eingreifen müsste. Ich bin zwar selbst kein Freund des Reglementierungswahns in Deutschland, aber in diesem Fall herrscht meiner Meinung nach Handlungsbedarf.
    Zum Schluss noch eins: Ich habe die Sendung auch nicht gesehen. 🙂

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s