Was will uns der Autor eigentlich sagen?

So, die erste Euphorie ueber den Start der Chain-Community ist gewichen, der Alltag kehrt wieder ein. Zum ersten Mal seit langer Zeit.
Und das gibt mir die Moeglichkeit, meinen Blog endlich mal (primaer) fuer das zu nutzen, wofuer ich ihn ins Leben gerufen habe: Um meinen Senf zu Dingen dazuzugeben, die mich beschaeftigen und um mit anderen darueber zu diskutieren.
Heute lese ich in der FAZ ein Interview mit Wolf Schneider, das den Titel „Hemmungsloses Imponiergehabe mit Fachwörtern“ traegt und in dem der Fachjargon der Finanzbranche kritisiert wird.
Im Prinzip bin ich auch kein Anhaenger der Schwafelei, die in gestelzter Sprache, mit (falschen) Anglizismen, mit unkorrekt verwendeten Fremdwoertern etc. einem Produkt oder einer Person mehr Schein als Sein verleiht. Aber ich denke, in dem Artikel geht es um etwas anderes.
Das wird beispielsweise moniert, dass die Sprache der Finanzbranche nicht fuer Laien gemacht sei. Nun, da muss ich mich an dieser Stelle doch fragen: Gibt es denn eine Laien-Sprache? Klingt polemisch, ist aber durchaus ernst gemeint. Wenn ich in irgendein Elektrogeschaeft gehe und dort eine Fotokamera kaufen will, dann wird der Verkaeufer doch auch erstmal die „Fachsprache“ benutzen, also mit Begriffen um sich werfen, die in der Branche verstanden werden. Oftmals ist das ja auch gut so, denn dann spart man Zeit, weil man keine umstaendlichen Beschreibungen benutzen muss, die womoeglich noch nichteinmal den Gegenstand akkurat wiedergeben. Ich denke da beispielsweise an Zoomobjektiv. Laut Wikipedia handelt es sich bei einem Zoomobjektiv um ein Objektiv mit variabler Brennweite. O.K. Variabel ist ein Fremdwort, das die meisten wohl kennen werden. Aber was ist denn Brennweite? Achso, sie sind voelliger Anfaenger auf dem Gebiet der Fotografie. Was? Die Kamera ist gar nicht fuer sie sondern fuer ihren Enkel? Achso. Nun denn, die Brennweite bezeichnet in der Optik den Abstand eines Brennpunkts F, auch Fokus genannt, von dem ihm zugeordneten Hauptpunkt H auf der Linse oder dem Hohlspiegel bei parallel einfallendem Licht. Jetzt alles klar? Immernoch nicht? Hm,…
Egal, wo ich hingehe, jeder benutzt erstmal „seine Fachsprache“, sogar in der Frittenbude. „Pommes rot-weiss“, alles klar… Es leuchtet mir ein, dass die Finanzbranche da keine Ausnahme ist.
Desweiteren kann Herr Wolf bei der Finanzbranche keinen klaren Willen zur Kommunikation entdecken. Die Frage, die sich mir hier natuerlich direkt aufdraengt, ist die, ob nicht genau das eine Strategie der Finanzbranche ist. Lass den Kunden im Unklaren, dann wird er sich schon irgendwann an uns wenden, um beraten zu werden. Und wenn er erstmal da ist, dann werden wir ihn nicht wieder so einfach davonziehen lassen. Womit verdienen denn gefuehlte Milliarden von selbsternannten Finanzberatern ihr Geld. Mit Uebersetzungen!
Desweiteren sollte man zwei oder drei Dinge nicht vergessen: 1. Jeder, der etwas auf sich haelt, versucht dies auch durch seine Sprache deutlich zu machen. Dies faengt bei der Poebelei im Strassenverkehr an, wo der eine dem anderen vorwirft, er solle erstmal richtig Deutsch lernen (und meint damit wohlgemerkt keinen Auslaender), setzt sich dann in der Schule fort, wo ein 10-Jaehriger mit dem Wort „quasi“ oder „theoretisch“ angibt, und endet dann…nie! Daraus resultiert 2. Manche Leute versuchen, durch eine gestelzte Sprache die eigene Minderwertigkeit oder die ihres Produkts zu kaschieren. In der Finanzbranche wird das wohl kaum anders sein. Wenn mein Produkt oder Angebot schon nicht besser ist, als das des anderen, dann soll es bzw. der Text drumherum wenigstens besser klingen! Hinzu kommt, dass Finanzprodukte wohl das langweiligste sind, was es auf dem Markt zu erstehen gibt. Also mache ich es durch die Sprache interessant. 3. Der Kunde, und da schliesse ich mich ein, moechte bei einem Finanzprodukt immer den Eindruck haben, dass es topaktuell und wettbewerbsfaehig ist. Seien wir doch mal ehrlich: Eine Bank, die Anglizismen verwendet, klingt doch so, als sei sie ein „Global Player“, als wuerde sie erfolgreich weltweit agieren und die neuesten, erfolgsversprechenden Trends kennen. Wer entscheidet sich denn dann noch fuer das Produkt einer Wald-und-Wiesen-Bank…
Wie eingangs gesagt, ich hasse Anglizismen, Euphemismen und solchen Kram auch, aber das ist nicht der Punkt. Der Punkt ist, dass man nicht eine Branche rauspicken kann um an ihr etwas zu kritisieren, das auf fast alle Branchen anwendbar ist.
Sehe gerade, dass Herr Wolf Anfang dieses Jahres ein neues Buch veroeffentlicht hat…

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