Ich möchte kein Nestbeschmutzer sein. Ich war selbst einmal Student – bin es eigentlich immernoch – und weiß, daß ein Studium kein Zuckerschlecken ist. Vor allem dann nicht, wenn die Familie einen finanziell nicht unterstützen kann und man daher seinen Lebensunterhalt selbst bestreiten muß. Und die Einführung der Studiengebühren – ob gerechtfertigt oder nicht, lasse ich hier mal außen vor – bedeutet eine zusätzliche Belastung für die Studierenden.
In dem Streit, der nun aber an der Humboldt-Universität in Berlin ausgebrochen ist, geht es meines Erachtens nicht um diese Dinge bzw. diese Dinge können nicht als „Entschuldigung“ angeführt werden. Aber mal ganz von vorne…
Am Anfang stand eine Krankheit, die sich scheinbar rasend schnell unter den Studenten ausbreitete: Es ist Prüfungszeit im Fach Geografie an der Berliner Humboldt-Universität, drei harte Klausuren kommen auf die Studenten zu. Die Termine sind denkbar ungünstig gelegt, die drei Prüfungen sollen an zwei aufeinanderfolgenden Tagen geschrieben werden. Die Prüfer allerdings bleiben weitgehend allein: Fast die Hälfte der Kandidaten lässt sich entschuldigen – eine schwere Erkrankung mache die Teilnahme unmöglich, versichert jeder einzelne von ihnen.
Seither herrscht Streit an der Humboldt-Uni: Die Prüfungskommission will genau wissen, welche Krankheit die Studenten heimgesucht hatte. Die allerdings halten das für überzogene Schnüffelambitionen und drohen mit einem Rechtsstreit.
Zugegeben: Drei Klausuren an zwei aufeinanderfolgenden Tagen schreiben zu müssen, ist nicht schön. Aber etwas, das vorkommt und mit dem die Studenten einfach umgehen können müssen! Die Prüfungszeiten werden in der Regel bereits zu Beginn des Semesters verkündet, manchmal auch früher, und selten verschoben. Das heißt, jeder Student hat genügend Zeit, sich auf diese Situation einzustellen.
Das Problem, das ich sehe und das ich aus eigener Erfahrung kenne, ist, daß die Studierenden nicht gelernt haben zu lernen. Es sind mir Fälle bekannt, in denen die Studierenden faktisch mit ihrem Studium fertig – also „scheinfrei“ – waren, sich aber ein volles Semester Zeit gelassen haben für die Anmeldung zum Examen, um sich „optimal“ auf die Prüfungen vorbereiten zu können. Es wird wohl niemanden erstaunen, wenn ich sage, daß ein Großteil dieser Kandidaten beim ersten Anlauf durch das Examen geflogen ist. Und warum? Weil sie sich eben nicht optimal sondern völlig falsch vorbereitet haben. Da wird zuerst darauf geguckt, welche Prüfung wann stattfindet und wieviel Zeit zwischen den Prüfungen liegt. Dann wird abgewägt, ob man es in, sagen wir mal: drei Tagen schafft, sich auf eine Klausur vorzubereiten. Danach wird wieder überlegt, ob die Zeit reicht, um sich auf die anschliessende mündliche Prüfung vozubereiten, da die ja bekanntlich etwas schwieriger ist als die Klausur. Es wird also taxiert und spekuliert – aber nicht vernünftig gelernt! So wird dann auch konsequenterweise eine ganze Zeit lang für ein Teilgebiet gebüffelt und je näher man dann der ersten Prüfung kommt, desto mehr hat man von den Sachen vergessen, die man „gelernt“ hatte – weil sie einfach schon zu lange zurück liegen, nie aufgefrischt wurden (man hat nämlich in die Breite oder Tiefe gelernt, wollte ein Teilgebiet komplett erforschen, anstatt sich Kernpunkte rauszugreifen und diese geschickt miteinander zu verknüpfen) oder schlicht und ergreifend nicht verstanden wurden. Zudem kommt der Irrglaube, je mehr Textstellen man mit dem Textmarker markiert hat, desto mehr hätte man gelernt. Dies führt dann manchmal so weit, daß ein Buch nur noch aus gelben, roten, blauen oder kunterbunten Seiten besteht.
Richtig lernen funktioniert anders. Anstatt sich innerhalb eines absurd kurzen Zeitraums möglichst viele Informationen in sein „Kurzzeitgedächtnis“ schaufeln zu wollen, in der Hoffnung, daß sie bei der Prüfung noch abrufbar sind, sollte man sich einen Lernplan erstellen, der dem in der Schule ähnelt. Diszipliniert lernen, d.h. feste Zeiten einhalten. Parallel lernen, um Verknüpfungen herzustellen, die das Gelernte im Gedächtnis verankern. Aber bevor ich hier noch weiter in Klugscheisser-Oberlehrer-Manier doziere, verweise ich lieber auf den Abschnitt „Wie arbeitet man mit dem vorliegenden Buch?“ in John R. Andersons’ Buch Kognitive Psychologie. Und wie man sich einen brauchbaren Zeitplan erstellt, wird wohl jeder selbst wissen…
Jedenfalls, um damit wieder zum Thema zurückzukommen, leuchtet mir nicht ein, was das Affentheater der Studenten soll! Es ist doch wohl offensichtlich, daß sich hier einige Leute einer Überprüfung entziehen wollen – zuerst der ihrer Lernleistungen und dann der ihres Gesundheitszustands. Ist eigentlich nicht verwunderlich, hat man diese Strategie doch auf der Schule perfektioniert. Dort konnte man sich in der Oberstufe in Eigenregie die Entschuldigungen für sein Fehlen schreiben, hat sich anschliessend mit den Klassenkameraden über den Prüfungsstoff ausgetauscht und hat dann beim Nachschreiben der versäumten Klausur zumindest eine Ahnung gehabt, worauf es ankommt. So ähnlich wird es nun an der Uni praktiziert, mit dem Unterschied, daß es nun nur darum geht, Zeit zu schinden. In beiden Fällen handelt es sich aber, zumindest meiner Meinung nach, um 1. Betrug, 2. Selbstbetrug und 3. unfaires Verhalten seinen Kommilitonen gegenüber.
Natürlich kann man jetzt anführen, daß viele Studenten arbeiten gehen müssen, weil sie nicht nur ihr Leben sondern auch noch ihr Studium finanzieren müssen, und daher schaffen sie es einfach nicht, sich auf die Klausuren vorzubereiten. Bei näher Betrachtung stellen sich mir aber folgende Fragen: Warum beiße ich mehr ab als ich kauen kann? Soll heißen: Wenn ich viel arbeiten gehen muß, dann muß ich entsprechend die Zahl der Seminare an der Uni drosseln, denn sonst schaffe ich es nicht. Daß ich dann natürlich länger studieren muß, ist mir auch klar. Aber mir ist auch klar, daß jemand, der mehr arbeitet als studiert, ohnehin eine lange Uni-Karriere vor sich hat. Warum höre ich von Studenten immer erst in zeitlicher Nähe zu einer Prüfung, daß sie im „Lernstreß“ seien? Wie kommt es, daß so viele Studenten so viel Zeit zum „Gruscheln“ und „Poken“ haben? Mir kann keiner erzählen, daß ein Student Arbeit und Studium nicht bewältigen kann, wenn er sich regelmäßig jeden Tag nach der Arbeit noch für ein paar Stunden hinsetzt und lernt. Und dies vielleicht auch mal am Samstag und Sonntag tut. Ich weiß, damit schlachte ich nun eine Heilige Kuh, aber ich bin es so leid zu hören, daß man ja auch mal „Party machen“, „relaxen“, „chillen“ oder „Urlaub machen“ muß. Die Haltung, die manche Studenten an den Tag legen, ist an Disziplinlosigkeit, Unbekümmertheit und Naivität oft nicht mehr zu überbieten. Es wundert mich seit langem nicht mehr, daß in der Wirtschaft über die Studenten geschimpft wird. Sie zählen sich selbst zur sogenannten geistigen Elite, scheitern aber oft schon bei der kleinsten Belastung! Das Fatale daran ist, daß die Professoren oft mitschuldig an dieser Misere sind, weil sie aus Mitleid mit dem „Schicksal“ der Studierenden großzügige Noten verteilen bzw. die Studierenden nicht durchfallen lassen – trotz manchmal eklatanter Wissenslücken! Aber auch das ist schon aus der Schule bekannt, man denke nur an das Stichwort „Pädagogische Vier“…
Ich weiß aus eigener Erfahrung, was es bedeutet, einer Doppelbelastung ausgesetzt zu sein. Seit vielen Jahren keinen Urlaub mehr gemacht zu haben. Finanzielle Sorgen zu haben. Eine Familie versorgen zu müssen. Eine Arbeit pünktlich abzuliefern… Es soll mir also bitte keiner nachsagen, ich würde hier in einem arroganten Ton von etwas reden, von dem ich keine Ahnung hätte! Ich wünsche mir nur, daß erwachsene Menschen, die sich freiwillig für ein Studium entschieden haben, endlich aufhören so viel zu jammern. Sie sollten sich stattdessen vielleicht ab und zu selbst hinterfragen. Ist ein Studium wirklich das Richtige für mich? Habe ich mich genügend angestrengt, um meine Ziele zu erreichen? Besitze ich ausreichend Selbstdisziplin und Struktur, um das Studium zu bewältigen – und um anschliessenden den Job meistern zu können?
Nun den, jedenfalls ist jetzt das Geschrei unter den Studierenden groß, denn was über Jahrzehnte funktioniert hat und von Studentengeneration zu Studentengeneration weitervererbt wurde – nämlich das Wissen darum, wie man sich erfolgreich ein Attest erschleicht (z. B. Seife verschlingen, sich übergeben, zum Arzt rennen, Attest einholen, fertig), dürfte bald zu unnuetzem Wissen verfallen. Zumindest, wenn es nach der Humboldt-Universität geht:
In Berlin nämlich wollen zwei Fachbereiche der Humboldt-Uni (HU) das klassische ärztliche Attest überhaupt nicht mehr anerkennen. Geografen und Sozialwissenschaftler verlangen stattdessen eine genaue Beschreibung der Symptome – um dann im Einzelfall selbst zu entscheiden, ob der Student tatsächlich prüfungsunfähig ist.
Nach all dem oben Gesagten, plädiere ich für Folgendes: Völlig egal, ob es sich um eine einfache Klausur, eine Zwischenprüfung oder ein Examen handelt – alle Studierenden, die zu einer Prüfung nicht erscheinen, sollten ein Attest vom Amtsarzt vorlegen! Ich bin überzeugt, der Mann hätte weniger zu tun als gedacht…